Halbe, eine vergessene Schlacht
Anfang der 80er Jahre arbeitete
ich in der Kongreßbibliothek , Washington, D.C., an Forschungen für
meine Trilogie mit dem Titel “Lebensraum", worin über die Flucht meiner
Familie im Jahr 1943 aus der Ukraine unter dem Schutz der
zurückweichenden deutschen Wehrmacht berichtet wird. Dort stieß ich auf
einen Artikel über die letzte große Schlacht, die zwischen der
Deutschen Wehrmacht und den Russen im Zweiten Weltkrieg in der Nähe von
Berlin stattfand, wie ich mich noch heute bruchstückhaft erinnere. Ich
bin da als achtjähriges Kind mitten hineingeraten
In meiner
Erinnerung sehe ich die verschiedenen Ereignisse dieses Kampfgeschehens
weitgehend wie eine Diaschau. Ich war zu jung, um zu verstehen, daß,
was ich damals erlebte, die Todeszuckungen dessen waren, was politisch
korrekte Medien heute zum "verdienten Ende einer verabscheuungswürdigen
Diktatur im Herzen Europa" verzerren.
Ich erzähle hier einfach, woran ich mich erinnere.
Von
meiner einst zahlreichen Familie waren wir noch Vier, die übrig waren.
In den vergangenen Jahren - lange, ehe ich geboren wurde - hatte es
Hunderte von Verwandten gegeben: Tanten und Onkels, Großeltern,
Vettern, Nachbarn, entfernte Verwandte von uns - alle verschwunden,
verschleppt nach Sibirien, hingerichtet, in zwei sowjetischen
Hungersnöten umgekommen, erfroren am Straßenrand, zurückgeblieben auf
einem verzweifelten Leidensweg, um Stalins Rotem Terror zu entgehen,
der mein Volk seit der kommunistischen Revolution über Jahrzehnte
bedrohte.
Nun war nur noch meine Großmutter übrig, unsere Oma,
meine vierjährige Schwester Wally, meine schöne Mutter, damals Anfang
dreißig, und ich.
Und nein, ich mache die Sache gleich zu Anfang
klar - ich bin keine jammernde Jüdin. Ich bin stolz auf meine deutsche
Herkunft, in der Ukraine geboren, jetzt naturalisierte US-Amerikanerin.
Meine Leute wurden im Reich Jahrhunderte hindurch “Volksdeutsche"
genannt, ethnische Deutsche, die ihr Heimatland vor fünf oder sechs
Generationen verlassen hatten und die jetzt zurück ins Vaterland zogen,
zusammen mit der Wehrmacht, als Deutschland im Begriff war, den Krieg
zu verlieren.
In dem Artikel, den ich in der Kongreßbibliothek
fand, wurde die Schlacht, die ich hier beschreiben werde, “die
Schlacht um Halbe" genannt. Ich erinnere mich nicht an das Dorf Halbe
selber - ich erinnere mich an zwei Orte im Bereich jener Kämpfe, kleine
Dörfer, die Kausche und Greifenhain hießen. Ich habe beide Ortschaften
lebhaft im Gedächtnis, allerdings nur lückenhaft.
Zunächst
einmal Kausche. Wir sind dort nach einer schrecklichen Flucht von Polen
aus gelandet, kurz bevor Warschau 1944 von den Sowjets eingenommen
wurde. Wir versuchten verzweifelt, Berlin zu erreichen, blieben aber in
jenem Dorf Kausche stecken. In den hoffnungslosen letzten Kriegswochen
überfluteten Flüchtlinge alles, schliefen oft in Kirchen, Schulen oder
sogar draußen am Straßenrand - doch hatten wir Glück, der Bürgermeister
von Kausche hatte uns einen einzelnen Raum am Ende eines Ziegenstalls
angewiesen; vielleicht war dieser Raum eine Unterkunft für Knechte und
Mägde gewesen. Ein kleines, rauchiges Zimmer ... aber wir hatten
wenigstens ein Dach über dem Kopf.
Wir vier teilten uns den Raum
mit einer hochschwangeren Frau Weber und ihrer pausbäckigen Tochter
Erika, zehn Jahre alt. Das Hauptgebäude lag gegenüber, und seitlich gab
es ein drittes Gebäude, an das ich mich nur erinnere, weil ein junger
deutscher Soldat, der aus irgend einem Grund, welcher seiner
hysterischen Mutter, die ihm das Leben zu retten versuchte, nie erklärt
wurde, später auf der Treppe von einem Russen hingerichtet wurde. Man
ließ ihn tagelang auf den Stufen liegen; niemand durfte ihn anrühren.
Aber
ich greife meiner Geschichte vor. Es mag heute seltsam erscheinen, aber
in jenen kühlen Apriltagen 1945 glaubten wir alle noch, daß der Krieg
gewonnen werden könne - und in allernächster Zeit gewonnen werde! Das
war es, was Dr. Goebbels in einer weithin ausgestrahlten Radiobotschaft
- wahrscheinlich seiner letzten - immer noch versprach. Zweifel wäre
Ketzerei gewesen.
Frau Webers Mann war an der Ostfront; jetzt
glaubte man, er sei vermißt. Er war auf Urlaub nach Hause gekommen, und
nun wartete sie auf die Geburt ihres Kindes. Erika und ich hatten eine
irgendwie bedingte Freundschaft geschlossen, weil Erika - für ihr Alter
schon ein großes Mädchen - mich schamlos herumkommandierte, wogegen ich
mich stur stellte. Ich war klein und mager, mit Erika nicht zu
vergleichen. Ich bewunderte Erika und ging ihr gleichzeitig oft aus dem
Weg, denn sie war mir unbehaglich. Einmal zog sie ihren Pullover hoch
und zeigte, was da schon mit ihrer Brust los war - zwei winzige Knospen
wie kleine Kirschen. Nichts dergleichen war auf meiner Brust zu finden,
was klarerweise ein ernstlicher Nachteil für mich war.
Die
nächste Erinnerung, die ich habe, ist, daß in der Ferne der Horizont
plötzlich ganz feuerrot war. Ich spreche nicht von einem kümmerlichen
kleinen Sonnenuntergang; es war ein Rot von einem Ende zum anderen -
der allerspektakulärste Sonnenuntergang der Welt! Jemand vermutete
kopfschüttelnd, daß vielleicht Berlin wieder einmal durch einen
Luftangriff in Flammen gesteckt wurde. Im Rückblick weiß ich nicht,
ob, was wir da brennen sahen, Berlin war oder ob eine andere
nahgelegene Stadt von den Alliierten in Fetzen gebombt wurde. Wir sahen
diesen von den Feinden in Flammen gesteckten Horizont Nacht für Nacht,
wieder und wieder - wochenlang! Unvergeßlich!
Dann fing es an,
in der Ferne zu grollen, und wir konnten riesige Wolken im Osten sich
auftürmen sehen. Es klang und es sah so aus, als ob ein Gewitter auf
uns zu zöge. Bei diesem Anblick verkündete Frau Weber auf ihre
polternde Art, daß ihre Wehen einsetzten. Sie überließ Erika der
Fürsorge von Oma und ging zu Fuß dahin, wo auch immer sie hin mußte und
kam nach ein paar weiteren Tagen zu Fuß zurück mit einem wimmernden
Etwas, das Erika als ihre neue kleine Schwester vorstellte, deren Namen
ich vergessen habe. Vielleicht hat sie nie einen Namen gehabt? Erika
stolzierte angeberisch herum, was meine Eifersucht auf sie nur noch
steigerte.
Wenig später spielten Erika und ich “Murmeln" - so
nannten wir unser einfaches Spiel, bei dem wir Glaskügelchen am
Erdboden rollen ließen -, als wir eine kleine Gruppe Zivilisten auf
Fahrrädern die Straße heruntersausen sahen. Eine Frau mit zwei
halbwüchsigen Jungen und mehreren kleinen Mädchen hielten bei uns an,
ganz außer Atem; sie schrien uns zu, wir sollten laufen: " Die Russen
kommen! Die Russen sind gleich hier!" Die Russen seien schon am
Ortsrand von Kausche, und die plünderten, verbrannten, vergewaltigten
und mordeten alles, was ihnen in den Weg kam!
Erika und ich
standen nur da und starrten sie an. Sie schwangen sich wieder auf ihre
Räder und rasten wie Besessene mit zitternden Knien davon.
Ich
erinnere mich nicht, ob ich mit meiner Familie das Weite suchte oder
nur zusammen mit Erika - doch erinnere ich mich ganz klar, daß wir an
einen Waldrand kamen und dort bei einem Baumstamm ein toter deutscher
Soldat saß, in voller Uniform, nach vorn gebeugt, in seinem Schoß den
Kopf eines ebenfalls toten Kameraden, der seitwärts im Gras mit seltsam
gespreizten Beinen hingestreckt lag.
Danach habe ich einen blinden Fleck in meiner Erinnerung. Vielleicht einen Tag? Vielleicht auch nur Stunden?
Dann
finde ich mich wieder in unserem kleinen Zimmer am Ende des alten
Ziegenstalls in Kausche. Im Zimmer drängte sich ungefähr ein Dutzend
andere Leute zusammen, meist junge Frauen und halbwüchsige Mädchen, und
meine Oma rang mit Frau Weber, die mit einem Messer herumfuchtelte und
gespenstisch herumschrie, sie werde ihr Baby abschlachten. Oma erklärte
mir später, Frau Weber sei übergeschnappt durch all das Schreckliche -
und es war fürchterlich, was nun ständig in dieses Zimmer hereinbrach.
Die
Tür war unter Stiefeltritten aufgesprungen, und Horden von “Russen",
schlitzäugig, grinsend, drangen ständig ein, griffen nach den Mädchen,
packten die Frauen, faßten selbst nach der noch blutenden Frau Weber
und warfen sie alle auf den Fußboden. In meiner Erinnerung waren es
mehrere Dutzend “russische" Soldaten - es waren tatsächlich Mongolen in
sowjetischer Uniform, die von Stalin zwangsweise eingezogen worden
waren, um in Deutschland Rache zu nehmen, wie Ilya Ehrenburg, der
XXX-sowjetische Propagandaminister in vielen Radioansprachen sie
aufgefordert hatte: “Tötet! Tötet! Tötet! Keiner ist unschuldig!
Niemand! Niemand! Nicht die Lebenden und nicht die noch Ungeborenen!"
Massenvergewaltigung! Reihenweise! Unablässig!
Ich
habe das nicht gesehen. Man hat es mir später gesagt, als ich alt genug
war, es zu verstehen. Meine Oma hatte mich in eisernem Griff, drückte
meinen Kopf gegen ihre Jacke und hielt mir so die Augen zu. Ich
erinnere mich nicht, daß sie weinte - nicht einmal schluchzen hörte ich
sie. Ich habe sie als schweigend im Gedächtnis. Mit dem Gesicht gegen
ihre Brüste gedrückt, konnte ich gar nichts sehen, doch sie sah es,
alles, sie hat alles überlebt - und sie hat niemals wieder darüber
gesprochen, was sie in jeder Nacht und in den vielen Nächten danach
gesehen und erlebt hat.
Ich weiß heute - sie sah ihre Tochter,
meine schöne junge Mutter, vor ihren Füßen auf dem Boden, vergewaltigt
von Sowjetsoldaten, von einem nach dem anderen, die andere Mädchen,
andere Frauen festhielten und ihnen unablässig Gewalt antaten - wobei
immer neue Schwärme von Sowjets hereindrängten und weitermachten, wenn
die vorherigen abließen. Während dieses ganzen Wahnsinns wurde unser
Gebäude noch von einer Granate getroffen, die, glaube ich, zwei Ziegen
tötete. Im Raum selber gab es Schläge, die Zähne kosteten, aber keine
Todesopfer. Nur Vergewaltigungen. Endloses Vergewaltigen.
Reihenvergewaltigung von jungen deutschen Mädchen, jungen deutschen
Frauen durch Asiaten in sowjetischer Uniform.
Meine nächste
Erinnerung ist, daß ganz plötzlich unser Hof voll von deutschen
Soldaten war, die kurz durch die Front gebrochen waren und versuchten,
sich nach Berlin durchzukämpfen, wo sie hofften, sicher zu sein. In
meiner Erinnerung war dies der 20. April, Hitlers Geburtstag. Sicher
bin ich mir bezüglich des Datums nicht, aber ich weiß genau, daß es um
den 20. April gewesen sein muß. Ich höre noch die beruhigende Stimme
von Goebbels aus dem Radio.
Unsere Erretter!
Wie es
vorher, seit wir die Ukraine im Herbst 1943 verlassen hatten, zahllose
Male geschehen war, hatten diese deutschen Jungen und deutschen Männer
sich tapfer bis zu uns durchgekämpft, auf ihre Kosten, mit großen Mühen
und Opfern an Leben und Gesundheit, um uns zu erretten! Das glaubten
wir damals, und ich glaube es noch heute. Meine Oma, die stoisch
gefaßte, tiefreligiöse alte Frau, hing einem von diesen von ihrem
deutschen Herrgott Gesandten in deutscher Uniform am Hals und weinte,
weinte, weinte. Er klopfte ihr etwas täppisch den Rücken und sagte:
“Omalein, wein' doch nicht! Wein' doch nicht. Bitte, wein'doch nicht -
wir sind ja da!"
In jener Kongreßbibliothek in Washington,
D.C, habe ich vierzig Jahre später gelesen, daß jene Truppe aus Jungen,
die die russische Front durchbrochen und das Dorf Kausche kurzzeitig
besetzt hatten, bis fast zum letzten Mann ermordet wurden. Sie hatten
keinerlei Chance. Bei dem, was dann kam, wurden sie einfach zerrieben!
Dann
plötzlich, man frage mich nicht wie, fanden wir uns auf einem deutschen
Fahrzeug wieder, das Teil einer sehr langen Kolonne fliehender Truppen
war, vermischt mit Zivilisten, die sie entlang der Straße im Chaos der
Flucht auflasen. Im Rückblick erscheint mir jenes Fahrzeug als Kreuzung
zwischen Jeep und Lastwagen; - war es ein LKW? Wir drückten uns hinten
darauf aneinander, eine Plane über unseren Köpfen, Zivilisten zumeist,
vielleicht ein Dutzend, auch ein Mann mit einem ganz blutigen Turban um
den Kopf. Wir Vier, Oma, Mama, Wally und ich - waren immer noch
zusammen, auf dem Fahrzeug verkrochen, auf der Fahrt zum Greifenhainer
Wald.
Es ging langsam voran, weil aus allen Richtungen ständig
auf uns geschossen wurde. Mehrmals gingen die Geschosse direkt durch
die Plane, und wir alle gingen in Deckung, als hätten wir das gelernt.
Es war immer noch kalt; meine Oma hatte sich in eine Decke gewickelt,
an der wir später mehrere Löcher von Splittern oder Kugeln fanden.
Wundersamerweise wurde sie nicht getroffen, und wir auch nicht. Wie wir
Vier unversehrt den Greifenhainer Wald überlebten, war mehr als eine
Wunder! Kaum jemand schaffte es.
Unser erster Fahrer wurde
getroffen und war sofort tot. Wir mußten abspringen, wurden aber fast
sofort von dem nächsten Fahrzeug aufgenommen und etwas tiefer in diesen
Wald gebracht - bis auch dieser Fahrer fiel. Nach meiner Erinnerung
ist das drei- oder viermal geschehen, weil entweder der Fahrer
getroffen oder das Fahrzeug durch den Beschuß unbrauchbar wurde. In
kürzester Zeit war die gesamte Straße von stehengelassenen Wagen
verstopft, mit toten Soldaten und Zivilisten links und rechts,
Geschosse und Granaten kreuz und quer, wobei ein paar von uns noch in
Militärfahrzeugen im Schneckentempo voranstolperten. Immer wieder lief
ein Ruf die Kolonne entlang, von Fahrzeug zu Fahrzeug: “Panzer nach
vorn! Panzer nach vorn!" Schließlich erschien in der Tat ein solches
Ungeheuer auf Raupenketten, stieß festgefahrene Wagen beiseite, mahlte
auf der Straße liegende Tote in dem Staub - das war der letzte noch
bewegliche deutsche Panzer, den wir sahen.
Und dann das riesige
Blutbad, das einen Tag und eine Nacht andauerte - so jedenfalls erklärt
es der Artikel in Washington, DC. Die restlichen Wehrmachtseinheiten
wurden vollständig eingeschlossen, immer noch zusammen mit einer
Handvoll Zivilisten in ihrer Mitte. Erst in den 80er Jahren habe ich in
Washington, D.C., als die Stadt sich darauf vorbereitete, Ronald Reagan
als Präsidenten einzuführen, über dieses Massaker gelesen. Es war das
erste Mal, daß ich wirklich verstand, was sich im Greifenhainer Wald
abspielte.
Irgendwie wurde ich an jenem Tag oder vielleicht auch
später in der Nacht in einem irrsinnigen Kampf ums Überleben von meiner
Familie getrennt - ich habe keine Erinnerung an Einzelheiten bewahren
können. Nichts davon! Es ist ein leerer Fleck in meinem Gehirn. Ich
habe es vollständig ausgewischt - es ist weg!
Man hat mir später
gesagt, daß ich, nachdem ich einen ganzen Tag und eine Nacht im
Greifenhainer Wald verschwunden gewesen war, den Weg in ein verlassenes
Bauernhaus am Rande des Waldes fand, wohin meine Familie sich
geflüchtet hatte. Wie ich dort hinkam, weiß ich nicht. Oma erzählte
mir, ich habe eine ganze Woche lang kein Wort sprechen können. Ich habe
bloß auf den Stufen vor dem Bauernhaus gesessen und den Oberkörper
gewiegt. Daran kann ich mich noch gut erinnern.
Dieses
Bauernhaus war von seinen Besitzern verlassen; wir haben nie erfahren,
was mit ihnen geschehen ist. Jetzt bot es eine Art Unterkunft nicht nur
für uns Vier, sondern was mir in meiner Erinnerung wie fünfzig oder
sechzig verwundete Soldaten vorkommt, die entweder mit letzter Kraft
hineingekrochen oder von Mama und Oma hingeschleppt worden waren, als
der Beschuß nachließ. Einer von ihnen war so schwer verwundet, daß er
es nur bis in den Vorraum schaffte. Diese ganze von Schrecken erfüllte
Nacht hindurch, in der meine Mutter von den Sowjets immer wieder
hinausgeschleppt wurde, damit sie ihre Gier an ihr stillen konnten,
kümmerte sich meine Großmutter um den sterbenden Jungen im Vorraum.
Einmal bat er um ein Gefäß, um sein Wasser zu lassen. Sie fand ein
leeres Einmachglas, um ihm behilflich zu sein.
Er machte es
zweimal randvoll. In all seinen Schmerzen hielt dieser Sterbende sein
Wasser derart lange, um sich nicht schämen zu müssen. Bis zu ihrem
eigenen Tod hat Oma sich damit so herumgequält, daß sie ihn nicht
einmal um seinen Namen fragte. Irgendwo, sagte sie später, wartete
noch immer eine Familie auf ihn.
Einige Wochen lang hat dieses
Bauernhaus nicht nur verstümmelte und verwundete deutsche Soldaten
beherbergt, sondern auch eine Gruppe schwatzender Russen, die dort eine
Art von Stabskommando eingerichtet hatten. Zu der Zeit war der Krieg
zuende gegangen, aber davon wußten wir nichts. Überall lagen tote
Soldaten herum - im Bauernhaus selber, im Vorgarten, auf der Treppe,
außerhalb des Eingangs mit dem steinernen Torbogen, der bis obenhin mit
den Leichen deutscher Soldaten zugebaut war, um uns drinnen und andere
draußen zu halten. Ich sehe es noch vor mir, wie ihre Arme und Köpfe
heraushingen - Dutzende von Armen kreuz und quer, baumelnde Köpfe.
Die
umherliegenden Leichen machten mir keine Angst - es waren einfach allzu
viele von ihnen, und wir gewöhnten uns an sie. In meiner Familie hält
sich die Geschichte, daß meine kleine Schwester eines Tages auf den
Beinen eines toten Soldaten sitzend entdeckt wurde und ganz ernsthaft
mit einer kleinen Porzellanpuppe spielte, die sie gefunden hatte. “Mein
kleines Püppchen sagt Heil Hitler," sagte die Vierjährige zu einem
Russen, der zufällig vorbeiging, und Oma blieb die Luft weg, aber er
brach nur in ein brüllendes Gelächter aus und tätschelte Wally das
Köpfchen. Es gab so viele Tote und niemanden mehr, um sie zu begraben,
daß sie bis weit in den Sommer hinein liegen blieben. Ich denke an
einen hinter einer Hecke, der von einem Panzer ganz plattgefahren war.
Der blutige Umriß war noch wochenlang da, nachdem die Schießerei
aufgehört hatte, und immer, wenn wir vorübergingen, erhob sich von ihm
ein riesiger Schwarm Fliegen. Nun waren die Tage schon warm, ja heiß,
und der Gestank so vieler Leichen war nahezu unerträglich.
So
waren wir dort, teilten uns ein Haus von irgendwem mit etwa einem
Dutzend Russen und vielen, vielen verwundeten Soldaten. Meine Mutter
wurde wiederholt von irgend einem Rüpel herausgezerrt, wieder und
wieder, hunderte von Malen in den kommenden Wochen und Monaten. Meine
Großmutter kochte derweil für die verwundeten Deutschen und auch für
die Russen. Sie hatte Hafermehl gefunden und im Keller etwas
Eingemachtes; jeden Tag brachte sie eine wäßrige Suppe zustande. Ich
erinnere mich besonders an einen deutschen Soldaten - einen jungen Kerl
mit weggeschossenem Kinn. Er tauchte sein ganzes auf groteske Weise
verwundetes Gesicht in das Hafermehl und versuchte, wie ein Hund etwas
davon aufzulecken. Blut und Eiter trieften aus dem Loch, wo einmal sein
Kinn gewesen war, direkt in die Schüssel mit Hafermehl hinein.
Das
Bauernhaus war voll von Verstümmelten und Sterbenden; auch der Vorraum
war belegt; der Schuppen jenseits des Hofes war voll von den Überresten
der Wehrmacht, doch auf schaurige Weise still - außer des Nachts, wenn
einige hinten im Schuppen im Stroh einige unvergeßliche Melodien ganz
leise sangen. Es scheint unwirklich, absurd, aber es war tatsächlich so
...
Wer damals den Krieg erlebte, der weiß, daß die Deutschen
immer sangen. Heutzutage hört man Deutsche kaum mehr singen, weil ihre
Seelen tot sind, aber damals sangen sie noch, leise und sanft,
wenigstens einige von ihnen. “Lili Marleen" klang direkt in das Zimmer
hinein, wo ich bei offenem Fenster auf einer Pritsche lag und die Ohren
spitzte, um den leisen Gesang zu hören.
Eines Tages befahlen die
Russen, daß alle, die noch gehen konnte, anzutreten hätten, um irgend
wohin abzurücken. Manche gehorchten, andere Verwundete weigerten sich.
Nicht lange danach hörten wir Schüsse, einen nach dem anderen. Ich weiß
nicht mehr, ob irgendwer herausbekam, was nicht weit von meinem Fenster
in einem Hohlweg vor sich ging und habe keine Ahnung, was aus den
übrigen Männern im Stroh geworden ist.
Ich sollte Euch auch
erzählen, was mit Frau Weber passierte. Meine Oma entdeckte sie in den
folgenden Tagen , als sie auf der Suche nach verwundeten Soldaten war -
und später nach etwas zu essen. Frau Weber sei tot, sagte Oma; nur halb
begraben. Ihr Unterkörper war mit Erde bedeckt, doch Oberkörper und
Kopf waren noch erkennbar.
Dann brachte jemand Erika zu uns, die
uns erzählte, daß, nachdem ihre Mutter von einer Granate getroffen
worden war, sie das Baby aus ihren Armen geschnappt habe und
fortgerannt sei. Sie sagte, sie habe nicht gewußt, was sie mit dem Kind
tun sollte und konnte sich nicht klar erinnern, was mit ihm geschah -
sie meinte, es irgendwo verloren zu haben. Erika war erst zehn Jahre
alt, doch, wie ich schon gesagt habe, ganz gut beieinander und ziemlich
entwickelt, und die Russen hatten sie auch vergewaltigt, immer und
immer wieder. In späteren Jahren bin ich von meiner Mutter oft daran
erinnert worden, welches Glück ich hatte, denn ich war so dünn und
schlaksig, und niemand hat mich je angerührt - wenigstens, soweit ich
weiß!
Erika wurde zuletzt bei einem Transport von
rußlanddeutschen Flüchtlingen gesehen, die zurück nach Rußland
geschickt wurden. Diese Nachkriegs-Operation ist in der Geschichte als
“Keelhaul" bekannt, womit die Alliierten auch die
Schwarzmeer-Volksdeutschen, die gerade eben von Deutschen gerettet
worden waren, kurzerhand zu Stalin zurückschickten - um mit ihnen nach
seinem Gutdünken zu verfahren. Nicht viele von ihnen haben Sibirien
überlebt.
Unsere Familie ist “Keelhaul" um Haaresbreite
entgangen - indem sie in einer kalten Nacht über die Grenze im Harz zur
britischen Zone entfloh. Ich habe das kurz in meinem ersten Roman “The
Wanderers" beschrieben.
Es scheint, daß es eine Gruppe junger
deutscher Patrioten gibt, die einen stillen Gedenkmarsch zu Ehren der
Letzten organisieren, die auf deutschem Boden in dem Blutbad von Halbe
kämpften und starben. Diese einfache Geste der Hochachtung vor den
Toten ist im zionistisch versauten Deutschland nicht garantiert, denn
es ist gar nicht so einfach, eine Genehmigung dafür zu bekommen.
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Ingrid Rimland Zündel, Germania-Brief, Dezember 2009 (Aus dem Englischen übersetzt)
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Niemand ist frei, der über sich selbst nicht Herr ist