Die Gefangennahme der Reichsregierung
Ähnlich unwürdig wie die Behandlung des
Generalfeldmarschalls MILCH verlief die Verhaftung der Angehörigen der
neuen deutschen Reichsregierung unter Großadmiral Karl
DÖNITZ. Diese bestand seit dem 1. Mai 1945 in Flensburg-Mürwik und
arbeitete nach der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht mit einer
alliierten Kommission zusammen, die auf dem Schiff >Patria< im
Hafen untergebracht war, war also praktisch von den Alliierten
anerkannt worden. Sie versuchte vor allem, ein Chaos in Deutschland zu
verhindern, und hatte insbesondere gleich den Alliierten ihre Hilfe bei
der Aufklärung der Vorgänge in den Konzentrationslagern angeboten. Als
derartige Vorfälle bekannt wurden, »ordnete DÖNITZ sofort Maßnahmen an,
um begangene Verbrechen durch das deutsche Volk selbst aufklären und
sühnen zu lassen. Um eine gerechte und gleichmäßige Urteilsfindung
gewährleisten, erließ er eine Anordnung, in der das Reichsgericht mit
der Untersuchung und Aburteilung aller Greueltaten in den
Konzentrationslagern beauftragt wurde. Diese Anordnung legte er
EISENHOWER 1) mit dem eingehenden Bericht und
der dringenden Bitte vor, das Reichsgericht alsbald in den Stand zu
setzen, die Aufgabe durchzuführen. DÖNITZ hat keine Antwort erhalten.« 2) Anscheinend
lag den Alliierten nicht nur nichts an gründlicher deutscher
Untersuchung der Vorwürfe bezüglich der Konzentrationslager, sondern
sie wollten eine deutsche Untersuchung verhindern. 3)
Als amtierender Reichspräsident erhielt Großadmiral DÖNITZ am 22. Mai
1945 in Mürwik die Aufforderung, mit seinen militärischen Spitzen,
Generaloberst JODL und Admiral VON FRIEDEBURG, am folgenden Morgen auf
der auf der >Patria< zu erscheinen, gleich als die was er zutreffend gleich als die bevorstehende Gefangennahme deutete. Diese fand am 23. Mai 1945 dann auch auf der >Patria< statt.
Als beteiligter Regierungschef beschrieb Lutz Graf SCHWERIN VON KROSIGK
in seinen Erinnerungen den zur gleichen Zeit am 23. Mai 1945
stattfindenden Überfall auf die unter seiner Leitung gerade tagende amtierende Reichsregierung
folgendermaßen: »Ging es auf der >Patria< noch einigermaßen
gesittet zu, so spielte sich die Verhaftung im Verwaltungsgebäude in
weniger schöner Form ab. Kurz nach Beginn der Kabinettssitzung, zu der
ich täglich um 10 Uhr Minister, Staatssekretäre und hohe Offiziere des
OKW zusammenholte, sprangen bewaffnete englische Soldaten in das
Zimmer. »Hände hoch! Ausziehen!«
Wir mußten uns mit dem Gesicht an die Wand stellen und wurden
körperlich durchsucht. Als nichts undurchforscht blieb, drang mir das
Blut zu Kopf. Der neben mir stehende General VON TROTHA merkte, daß ich
im Begriff stand, mich umzudrehen und mit der Faust zuzuschlagen, und
raunte mir zu: »Keep smiling!« Die Warnung nützte und rettete mir
wahrscheinlich das Leben. Diese Behandlung widerfuhr auch einigen
Offizieren und Sekretärinnen, die sich zusammen in ihren Arbeitsräumen
befanden. In alliierten Zeitungen erschienen
Abbildungen über das Decollete mit der Bemerkung, man habe das
Herrenvolk in den Betten überrascht. Das war eine Tendenzlüge. Im Verwaltungsgebäude gab es keine Betten.
Auf dem Hof zusammengetrieben, mußten wir lange, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, dastehen, von der Bevölkerung angestarrt, von den Photographen der Alliierten geknipst. FRIEDEBURG, der, von der >Patria< kommend, im Vorüberfahren das Schauspiel sah, nahm sich das Leben; seine Leiche wurde geplündert.
Ein Engländer trat zu mir und richtete mir von Mr. WARD, dem
Berichterstatter des BBC, mit dem ich mich zweimal lange unterhalten
und der viel Verständnis gezeigt hatte, einen Gruß aus. WARD wollte
unter den obwaltenden Verhältnissen nicht selbst kommen; ich ließ ihm
sagen, das sei auch besser, denn ich würde ihm gesagt haben, daß ich
die Engländer bis heute für Gentlemen gehalten hätte. Die Aktion wurde
mit einem gewaltigen Aufwand von Panzern, Infanterie und Militärpolizei
von der 11. Englischen Panzerdivision durchgeführt, deren Namen in der
deutschen Armee einen guten Klang hatte...
Ich weiß nicht, ob die Wegnahme aller Wertgegenstände, der JODL die
Bezeichnung >organisierte Plünderung< gab, auch auf Anordnung von
oben beruhte. Ich
bat, mir zwei Erinnerungsstücke zu belassen, die goldene Uhr, die mein
Vater lebenslang getragen hatte, und das silberne Zigarettenetui, das
ich von meinem gefallenen Bruder bei seiner Hochzeit mit seinem
eingeritzten Namen von ihm erhalten hatte. Alle Sachen,
wurde mir gesagt, würden mich in der Gefangenschaft von Lager zu Lager
in einem Beutel begleiten. Er war schon im ersten Lager nicht da und
ist auch nie aufgetaucht. Meine Briefe, in denen ich mich nach dem
Verbleib erkundigte, blieben unbeantwortet.« 4)
Einen ähnlichen Bericht gab der ebenfalls beteiligte damalige Adjutant
von Großadmiral DÖNITZ, Korvettenkapitän Walter LÜDDE-NEURATH. 5)
Ausgeplündert, gedemütigt und mißhandelt mußten die rechtmäßigen deutschen Regierungsangehörigen in ihre lange Haft gehen.
1) General EISENHOWER war damals Oberbefehlshaber der Alliierten in Europa.
2) Lutz Graf SCHWERIN VON KROSIGK, Es geschah in Deutschland. Menschenbilder unseres Jahrhunderts, Rainer Wunderlich, Hermann Leins, Tübingen-Stuttgart, 1951, S. 376.
3) Siehe: Beitrag »Die Reichsregierung und die KL«.
4) Lutz Graf SCHWERIN VON KROSIGK, Memoiren, Seewald, Stuttgart 1977, S. 252 f.; ähnlich in: Lutz Graf SCHWERIN VON KROSIGK, aaO. (Anm. 2), S. 379.
5) Walter LÜDDE-NEURATH, Regierung Dönitz. Die letzten Tage des Dritten Reiches, Druffel, Leoni 1980, S. 113-117.
HINWEIS: Auch dieser Beitrag wurde mir annonym zugesand! Offenbar, so vermute ich, fehlen hierzu noch Bilder!
Deshalb bitte ich um Mithilfe bei der Beschaffung dieser fehlenden Bilder!
_________________
"Gerechtigkeit ist dort, wo Recht ist!"