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 Paul von Lettow-Vorbeck

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BeitragThema: Paul von Lettow-Vorbeck   Sa Nov 29, 2008 1:33 pm

Paul von Lettow-Vorbeck


Der „Löwe von Deutsch-Ostafrika“


Armin Preuß





Der ehemalige Kommandeur der Schutztruppe
Deutsch-Ostafrikas im ersten Weltkrieg, Paul von Lettow-Vorbeck,
stattete im Jahre 1953 im Alter von 83 Jahren der Hauptstadt des
heutigen Tansania, Daressalam, einen
Erinnerungsbesuch ab. Nach 35 Jahren war die Verehrung
seiner alten eingeborenen Soldaten für ihren früheren Führer noch so groß, daß
sie ihn, als sie ihn erkannten, triumphierend auf ihre Schultern hoben und ihn
zum Abschied mit ihrem alten Marschlied Heia Safari grüßten.


Der Amerikaner Gene Flinter
vergleicht Lettow-Vorbeck, den „Buschgeist" von Afrika, mit dem ebenfalls
legendären „Wüstenfuchs" des 2. Weltkrieges, Erwin Rommel. Wegen seiner Fähigkeit, weit überlegene
gegnerische Kräfte auszumanövrieren und ihre Pläne zu vereiteln, hält er
ihn sogar für noch bedeutender als den Befehlshaber des Deutschen Afrikakorps.
Major /. R. Sibley
schreibt über Lettow-Vorbeck im Tanganyikan
Guerilla: „Sein fester Charakter, seine Willenskraft und sein ungewöhnliches
soldatisches Können waren die Hauptfaktoren, die es den Deutschen und ihren Askarr' ermöglichten, vier Jahre lang unter den
widerwärtigsten Umständen zu kämpfen, ohne Hoffnung auf Nachschub und
Verstärkungen. Diese Leistung muß als eines der außergewöhnlichsten
Beispiele militärischer Führungskunst im l. Weltkrieg gewürdigt werden."
Im Vorwort sagt Barrie Pitt: „Der ostafrikanische
Feldzug war, vielleicht mehr als irgend ein
anderer, durch die Persönlichkeit eines Mannes geprägt."


Der Kriegsschauplatz


Deutsch-Ostafrika umschloß
1914 das
gesamte heutige Tansania wie auch Ruanda und Burundi, ein Gebiet größer als das
damalige Deutschland und Frankreich zusammengenommen. Seine Grenzen verliefen
von Kenia, Uganda und dem Viktoriasee im Norden zum belgischen Kongo, dem Tanganjika-See und Rhodesien
im Westen und dem Njas-





* schwarzafrikanische
Soldaten





sasee und Portugiesisch-Mozambique im Süden. Der Indische
Ozean bildete die natürliche Grenze im Osten. In der Kolonie lebten zu jener
Zeit rund acht Millionen Menschen, knapp
10000 deutsche
und andere europäische Ansiedler eingeschlossen. Neben schwachen Polizeikräften unterstanden Lettow-Vorbeck 216 deutsche Offiziere und
Unterführer sowie 2 540 Askari.


Das Transportnetz der Kolonie bestand, abgesehen von
kleinen Dampfern auf den an den Grenzen liegenden Seen, aus zwei strategisch wichtigen Eisenbahnlinien: der nördlichen Moschi- oder Usambarali-nie,
die den zweitgrößten Hafen, Tonga, mit Moschi
nahe dem Kilimandscharo verband, und der Zentrallinie,
die von Daressalam über Tabora nach Kigoma
am Tanganjika-See verlief. Oberhalb der
Nordgrenze unterhielten die Engländer ihre Ugandabahn, die Mombasa, den englischen Haupthafen in Ostafrika,
über Nairobi mit Kisumu am Viktoriasee
verband.


Gerade für uns Heutige dürfte es von Interesse sein,
daß, nach Gene Flinter, die deutschen
Eingeborenen weit besser behandelt wurden als die
ihrer kolonialen Rivalen. Die anderen europäischen
Kolonialmächte in Afrika,
besonders die Portugiesen, betrachteten ihre Eingeborenen als Wilde und Heiden (so wie die Puritaner Amerikas die von
ihnen ausgerotteten Indianer ansahen). Die Deutschen dagegen richteten -nach
anfänglichen Fehlern - Schulen und Krankenhäuser für ihre Eingeborenen ein und bezahlten ihnen einen angemessenen Lohn für
geleistete Arbeit. Während des ganzen Krieges
ist nicht ein einziger Eingeborener im deutschen Gebiet aufständig gewesen, ein
schlagender Beweis für die Unhaltbarkeit der Siegerlüge, die Deutschen wären
unfähig zur Verwaltung von Kolonien (damit sowie mit der Kriegschuldlüge versuchten
die Weltkriegs-Sieger, den Raub unserer Kolonien zu rechtfertigen.)


Die kleine deutsche Askari-Truppe
war zwar gut ausgebildet und geführt, aber ihre Bewaffnung war altmodisch. Von 14
Kompanien besaßen nur drei moderne Gewehre. Der Rest war mit einschüssigen 1871-Mauser-Modellen bewaffnet,
die bei jedem Schuß eine Wolke von schwarzem Pulverrauch abgaben, eine
ideale Markierung für feindliche


Artillerie. Von Vorteil war der Besitz mehrerer
Maschinengewehre pro Kompanie, mit denen die Askari meisterhaft umzugehen
lernten.


Lettow-Vorbeck betrieb nach Übernahme
seines Kommandos im Januar 1914
eine intensive Ausbildung seiner noch unfertigen Truppe und formte seine
Soldaten in kurzer Zeit zu erstklassigen Kämpfern. Disziplin
und Pünktlichkeit, bewährte preußische Tugenden, wurden seinen Soldaten
eingeimpft, Eigenschaften, die mit ausschlaggebend werden sollten für ihre späteren
Siege.


Gegen diese kleine Truppe standen nicht weniger als 130
Generale mit einer Gesamt-Feindstärke von 300 000
Mann im Felde. Die Kriegsverluste der Gegner beliefen sich nach ihren eigenen
Angaben auf 20000 Europäer und Inder,
60-80000
eingeborene Soldaten, über 20000 Automobile und 140000 Pferde und Maultiere. - „Über 12
Milliarden" soll der Krieg in Ostafrika den Gegner gekostet haben! Gegen
Ende des Krieges verfügten Lettows Gegner über
eine mehr als hundertfache Übermacht! „Wir
aber hatten den Mut nicht verloren," schreibt er in seinem der deutschen
Jugend gewidmeten Buch Heia Safari, „im Gegenteil!"


Im Artikel II der Kongoakte von 1885
hatten sich die europäischen Kolonialmächte verpflichtet, „einen europäischen
Krieg nicht
auf die zentralafrikanischen Kolonien zu
übertragen." Diese Abmachung war allerdings nie ratifiziert worden. Lettow, der die Engländer kannte, war sich bewußt,
daß England sich niemals neutral verhalten würde und daß der Krieg in den Kolonien
unvermeidlich war.


„Kolonien außer Gefahr", hieß es zwar noch am 2.
August in einem Telegramm des deutschen Staatssekretärs für Kolonien, Dr. Rolf,
an den Gouverneur Deutsch-Ostafrikas, Dr. Heinrich Schnee. Jedoch schon wenige
Tage später, am 5. August, beschoß ein englischer Kreuzer den aus
Daressalam ausgelaufenen deutschen Dampfer KÖNIG und anschließend die
Funkstation des Hafens.


Dr. Schnee, Lettow-Vorbecks
ziviler Vorgesetzter, war trotzdem entschlossen, sich jeder Feindseligkeiten zu
enthalten und den Frieden für die junge Kolonie um jeden Preis zu wahren. Doch ebenso
entschlossen war Lettow-Vorbeck, in einem Krieg, der auf den europäischen


Schlachtfeldern entschieden werden würde, die
größtmöglichen Massen an gegnerischen Soldaten und Kriegsmaterial in Ostafrika
zu binden, um sie vom Einsatz gegen das Vaterland fernzuhalten.


Seine Ansicht war, daß er die deutsche Kolonie am
besten durch Angriff auf des Gegners eigenes Territorium, durch die offensive
Bedrohung der englischen Ugandabahn schützen könne. Major Sibley bestätigt, daß diese Ansicht sich als richtig
erwies und daß Lettows Strategie „von Anfang
an von Erfolg gekrönt war."


Die in Afrika zu erwartenden Kämpfe mußten sich
vorwiegend in Buschgelände abwickeln, wechselnd von hohem Savannengras in den
freien Ebenen bis zum dichten Urwald. Die Gefahren durch
wilde Tiere wie Löwen, Schlangen, Rhinos,
Krokodile usw. waren gering im Vergleich zu den tödlichen Krankheitserregern
wie Tstetse- oder Schlafkrankheitsfliegen oder
die die Füße verunstaltenden Sandflöhe. Bedeutende Entfernungen in einem Land,
das noch kein Straßennetz besaß und noch nicht voll kartographisch erfaßt war,
stellten die Führung bei der Verschiebung und Versorgung von Truppen vor
außerordentliche Aufgaben.


Ende Teil 1

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BeitragThema: Teil 2   Sa Nov 29, 2008 1:34 pm

Der Kommandeur





Paul von Lettow-Vorbeck wurde im „eisernen Jahr" 1870
als Generalssohn aus pommerschem Adel geboren.
Nach seiner Kadettenausbildung erkannten seine Vorgesetzten bei der Truppe früh
seine Tatkraft, ein ausgeprägtes Talent für Sprachen und seine Begabung zum Generalstäbler.
Doch immer wieder fühlt er sich von der Stabsarbeit zur Truppenpraxis hingezogen. 1900
ist er in China bei der Abwehr der Boxerrebellion eingesetzt. Von 1904
bis 1906 nimmt er in Deutsch-Südwest an der Bekämpfung der Herero- und Hottentotten-Aufstände
teil, wobei er schwer verwundet wird. Auf diesem Kriegsschauplatz sammelt er
seine ersten Erfahrungen im Buschkrieg (von den Engländern Guerillakrieg genannt), eine Form des Krieges, die er später
in Deutsch-Ostafrika zur höchsten Virtuosität entwickeln soll.





Kriegsausbruch - August 1914





Am 28. Juli 1914
war der leichte deutsche Kreuzer KÖNIGSBERG in Erwartung der drohenden
Feindseligkeiten unter seinem Kapitän Max Looff
aus Daressalam ausgelaufen, um für einen
Kaperkrieg gegen englische Schiffe bereit zu sein. Lettow-Vorbeck erhält
inzwischen Telegramme, die die deutsche und englische Mobilmachung enthalten.
Er zieht daraufhin seine schwachen Kräfte aus Daressalam zurück und richtet
seinen Gefechtsstand in Moschi, in der Nähe
des Kilimandscharo, ein.


In seinem Buch Kumbuke*
gibt der deutsche Tropenarzt Dr. August Hauer eine Schilderung dieser
Landschaft, wie sie den deutschen Siedlern ans Herz gewachsen war und der sie
mit derselben Liebe anhingen wie ihrer Heimat Deutschland. „Hier lebten wir in
einer unbesorgten Freiheit, wie sie nicht wiederkehrt. Am Tage, wenn die große
Sonne aus fleckenlosem, tiefblauem Himmel niederbrannte, trieb der nie rastende
Steppenwind den Duft von Honig und Lindenblüten durch die Miniaturgrasbanden
und flüsterte in immer neuen Weisen mit den grünen Akazienkronen. Frühmorgens,
wenn rotgeständerte Rebhühner und unzählige
fette Wachteln riefen, umzogen ganze Herden von Wild das Lager, Zebras wieherten hell ... und hoch ragten irgendwo
die langhalsigen Köpfe scheuer Giraffen über
die duftenden Baumkronen. Himmelhoch und frisch gewaschen schaute dann der
göttliche Kibo aus dem reinen Azur herab."
*(Sei eingedenk!")





Von diesem Gebiet aus ergreift Lettow-Vorbeck noch
im August die Initiative gegen die Ugandabahn, den Lebensnerv der Engländer.
Kapitän Looff versenkt mittlerweile einen englischen Frachter und den Kreuzer PEGASUS, um sich anschließend
in das Mündungsdelta des Rufidschi
zurückzuziehen.





Die Schlacht von Tanga





Das erste größere Treffen des Ostafrikakrieges wird
die Schlacht von Tanga, wo die Engländer am 3. November unter General Aitkens 8000 englische und indische
Truppen landen. Ihr Auftrag ist ein doppelter: l. die Vernichtung der deutschen
Schutztruppe, 2. die Eroberung des
zweitgrößten Hafens der deutschen Kolonie. Aitkens'
Plan ist, nach der Landung
von Tanga entlang der Usambarabahn
nach Moschi vorzustoßen. Die Operation soll
mit einer Truppe von 5000 Mann unter General Stewart
von Voi aus in Richtung Taweta unterstützt werden.


Dieser Truppenmassierung
stehen zur Zeit der Landung nicht mehr als 400 deutsche Askari gegenüber. Mit echt englischer Überheblichkeit glaubt Aitkens, den „minderwertigen Hunnen
und Niggern" ohne große Umstände das Lebenslicht ausblasen zu können. Dem
steht Lettow-Vorbecks lapidarischer
Befehl entgegen: „Wenn der Feind gelandet ist, werft ihn hinaus!" Zur großen Verwunderung der Engländer soll dieser
Befehl ausgeführt werden nach dem Motto der deutschen Kämpfer: „Dran und
drauf!"


Der Hauptangriff der Engländer erfolgt am folgenden
Tage, dem 4. November. In dieser bedrohlichen Lage beweist der
deutsche Kommandeur seine hohe Führungskunst
und sein überlegenes taktisches Geschick. Durch äußerste Nutzung der
Bahnverbindung von Moschi nach Tanga faßt er alle verfügbaren Einheiten
zusammen und führt sie im Eiltempo an die Landungsstellen
und an den Rand der schon halb besetzten Stadt mit der tapfer aushaltenden kleinen
Askaritruppe.


In schneidigem Gegenangriff mit aufgepflanztem
Seitengewehr und unter donnerndem Hurra werfen seine Truppen - unter
den Kanonen der englischen Kriegsschiffe - den achtfach überlegenen
Gegner ins Meer zurück. Den Verlusten des Gegners von rund 2000
Mann stehen deutsche Verluste von knapp 100 gegenüber, darunter leider
auch der berühmte Afrikakämpfer Hauptmann Tom
von Prince. Ein englischer Parlamentär, der mit Lettow über die Verwundeten unterhandelt, gratuliert
ihm zu diesem Sieg mit den Worten: Das war
Made in Germany!"


Dr. Hauer kommentiert die Schlacht von Tanga so:
„Diese Entscheidungsschlacht, in die ein verantwortungsfreudiger Führer den
letzten Rekruten hineingeworfen, lahmte über
ein Jahr den Unternehmungsgeist des Gegners ..., sicherte Küsten und Grenzen des Landes vor einem neuen großangelegten
Einfall und erfüllte Europäer wie Farbige


mit einem sicheren Gefühl soldatischer Überlegenheit, das bis
zum letzten Flintenschuß verbleiben sollte und
für Korpsgeist, Stimmung und Disziplin der
Truppe von unschätzbarem Nutzen war."


Lettow-Vorbeck selbst dazu später weniger
wortreich: „Tanga war die Geburtsstunde des Soldatengeistes unserer
Truppe."


Die beachtliche, von den geflohenen Briten gemachte
Beute ermöglicht es den Deutschen, sich mit weiteren Hunderten von modernen
Gewehren, Maschinengewehren und Bergen von Munition zu versorgen. Über Nacht erstrahlt der Kriegsruhm Lettow-Vorbecks, nicht
gerade zur Freude Dr. Schnees, der noch immer eine friedliche Übergabe der Kolonie an die Engländer im Auge hat.


Ein wütender Lord Kitchener
degradiert Aitkens zum Obersten und stößt ihn mit halber Pension aus der Armee aus.
Zum Nachfolger Aitkens wird Brigadegeneral Wapshare ernannt, der jedoch keineswegs besser abschneidet als sein Vorgänger. Wie
die meisten der vorher in Indien stationierten englischen Offiziere liebt Wapshare, genannt Wappy, gutes Essen und Trinken mit pompöser
Bedienung. Man vermißt im afrikanischen Busch die englischen Klubs, Polospiele und die englische Nachmittagstee-Zeremonie.





Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!





Trotz der Beute von Tanga ist Lettow sich nur zu
sehr bewußt, daß er in diesem Kampf von aller Welt abgeschnitten ist und sich
aus eigener Kraft schlecht und recht durchzuschlagen hat. Mit seltener Hingabe und bewundernswertem Patriotismus sind ihm die
deutschen Pflanzer und alle deutschen Frauen behilflich, Kolonie und Truppe
unabhängig zu machen, um den Kampf für die geliebte Heimat durchstehen zu
können.


Gleich zu Anfang beweist der deutsche Kommandeur
seinen Einfallsreichtum und sein außergewöhnliches
Talent in der improvisierten Fertigung dringendster Hilfsmittel und Ausrüstungsgegenstände.
Mit köstlichem Humor, über den preußische Offiziere angeblich nicht verfügen,
berichtet er über die mehr oder minder gelungenen Versuche,


Uniformen, Stiefel, Arzneimittel, Verbandzeug,
Chinin oder Gummi herzustellen.


So wurde beispielsweise später, als der Norden verlorengegangen
war, aus abgekochter China-Rinde „ein verteufelt schmeckendes, aber gut
wirksames Gebräu zur Malariabekämpfung" hergestellt, das den ehrenvollen
Namen „Lettowschnaps" erhielt.


Bei seinen Backversuchen ohne Weizenmehl stößt der
deutsche Kommandeur jedoch bei seinem schwarzen Koch auf unerwarteten
Widerstand. Lettow berichtet über ihre
Bemühungen wie folgt: „Um den ängstlichen Gemütern vorzumachen, daß alles geht,
wenn man selber zupackt, kniete ich oft mit unserem guten Baba zusammen in der Küche und manschte zu seiner
und meiner Verzweiflung so lange in den Töpfen herum, bis er mich schließlich
hinauswarf und sagte, »wenn Du auch sonst
allerlei verstehst, davon verstehst Du jedenfalls nichts... was Du jetzt selbst
gebacken hast, das könnt Ihr auch selber
essen! «"


Als Schuster glaubt er, etwas mehr Glück zu haben:
„Der Europäer kann zwar auf leidlichen Wegen, keinesfalls aber durch den Busch
barfuß gehen... Meine zerschundenen Füße und
Beine waren ein trauriger Beweis dafür, daß es ohne Stiefel jedenfalls nicht
gehen würde... Täglich hat unser Stabsarzt längere Zeit an mir herumgeklebt,
bis alle Dornenlöcher und Risse einigermaßen ausgeheilt waren... Für alle Fälle
ließ ich mich im Gerben von Leder mit der Hand unterweisen und habe mir unter
Anleitung auch einen Gegenstand verfertigt, den man zur Not als einen linken Stiefel bezeichnen konnte, wenn er auch
eigentlich ein rechter hatte werden sollen... Die Askari
guckten mit scheuen Blicken nach diesen eigenartigen Machwerken. Da, wo sie
mich drückten, hatte ich jedesmal einen Schlitz herausgeschnitten... überall
guckte ein Stück Fuß oder Strumpf hervor."


Der folgende Bericht ist das Ergebnis von Lettows Versuchen als Schneider, nachdem er sich
selber mit primitivsten Mitteln eine kurze Hose und ein dazu passendes Hemd
zusammengenäht hatte: „Als ich eines Tages einem Askari, der mich nicht (ins
Lager) durchlassen wollte, sagte, ich wäre der Kommandeur, antwortete der
Tapfere: ,Das kann jeder sagen. Scher Dich weg, sonst schieße ich gleich.'" „Aus
diesem


Zeug," schreibt Sibley
bewundernd, „war der Mann, der jahrelang die deutsche Schutztruppe
zusammengehalten hatte."


Noch einen weiteren Sieg erringen die Deutschen zu
dieser Zeit bei Longido unter Major Kraut. Tanga und Longido
waren zu gleicher Zeit geplante, koordinierte Feindunternehmungen, die beide
mit einer gründlichen Niederlage der Engländer endeten.





In der Gluthitze des Äquators
gegen die Ugandabahn





Den Besonderheiten des afrikanischen
Buschgeländes angepaßt, stellt Lettow jetzt kleinste Einheiten von nicht mehr
als 8-10 Mann auf, deren Aufgabe es ist, den Verkehr auf der englischen
Ugandabahn, der Lebensader der englischen Kolonie, zu drosseln. Zunächst werden
Schleichpatrouillen von nur drei oder vier Mann ausgeschickt, deren Aufgabe es
ist, nicht zu kämpfen, sondern zu erkunden und die Telefongespräche der
Engländer abzuhören. Aufgrund der gewonnenen Beobachtungen folgen dann die Kampf- und Sprengpatrouillen, von denen Major
Sibley schreibt, daß diese waghalsigen Kommandounternehmen die Moral der englischen
Truppen auf den Tiefpunkt brachten. „Es war psychologischer Krieg in seinen Kinderschuhen.
Die deutschen Angriffe hatten den gewünschten Effekt, und der »Hunne« wurde in den Augen der alliierten Soldaten zum Phantomgegner".


Einer besonders „unverschämt kühnen" Patrouille gelingt es, eine
englische Kavallerie-Abteilung zu überrumpeln und dabei 57 Pferde zu erbeuten. Sie
erlauben Lettow größere Beweglichkeit und eine
erhöhte Reichweite.


Es kommt aber auch vor, daß Soldaten dieser
gefährlichen Kommandos in der wasserlosen Steppe und der Gluthitze der Tropen
bei Marschleistungen von fast 200 km verdursten oder sich nur
dadurch retten können, daß sie ihren eigenen Urin trinken.


Lettow selbst steht seinen Männern, was Härte anbetrifft, um nichts nach. Zu Fuß
bewältigt er beim Besuch seiner Truppen solche Entfernungen, daß ein
erschöpfter Begleiter klagt: Das ist zuviel
für einen Normalmenschen... Ich glaube, der General stammt aus einer Land-briefträgerfamilie. "


Ein Maßstab für die Erfolge dieser Kampfweise ist,
daß innerhalb von zwei Monaten 30 Züge unschädlich gemacht
und 10 Brücken zerstört werden. Der Gegner
ist gezwungen, zum Schutz seiner Bahn über 30000
Mann einzusetzen, und den Lokführern müssen
1000 Pfund für die gefährliche
Fahrt von Mombasa nach Nairobi angeboten
werden.


Im Westen der Kolonie kämpfen um die gleiche Zeit
deutsche Askari unter dem Kommando von General
Wähle, der sich freiwillig aus dem Ruhestand
der Truppe zur Verfügung stellte. Kapitän Looff
bindet im Indischen Ozean mit der KÖNIGSBERG starke englische Flottenverbände,
die sein Auslaufen aus dem Rufidschi-Delta
verhindern sollen.

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BeitragThema: Teil 3   Sa Nov 29, 2008 1:39 pm

Jassini - Januar 1915


Als Ergebnis sorgfältiger Erkundung (von Lettow persönlich ausgeführt) und durch die schnelle
Konzentration von mehreren Kompanien erringen die Deutschen in Januar 1915 durch überraschenden Angriff bei Jassini einen weiteren Sieg. Die Engländer hatten diese auf deutschem Gebiet liegende Stadt durch eine Brigade
Kaschmirtruppen besetzt mit der von Lettow vermuteten Absicht eines Vorstoßes entlang der Küste auf Tanga. Der deutsche Erfolg demoralisiert zwar die Engländer, ist allerdings getrübt durch hohe Verluste, und Lettow wird sich schnell bewußt, daß diese Art offenen Kampfes in seiner Lage nicht mehr vertretbar ist.

Während den Engländern Nachschub aus ihrem gesamten
Weltreich in unbegrenzten Mengen zur Verfügung steht, muß der deutsche Kommandeur mit seinen Kräften aufs sparsamste haushalten. Weder Mannschaften noch Kriegsmaterial können auf deutscher Seite ersetzt werden. Das Fazit: Von
nun an nur noch Buschkrieg, es sei denn, es bietet sich den deutschen Kämpfern die Gelegenheit, den Gegner in günstiger Lage überraschend zu stellen und zu schlagen. Und das wird Lettow mit seiner Truppe unzählige Male gelingen!


Zum Glück für die Kolonie und ihre Verteidiger kann
Anfang 1915 der Blockadebrecher RUBENS die
ostafrikanische Küste nördlich Tanga erreichen. Zwar wird die RUBENS vom englischen Kreuzer HYAZINTH gestellt und zusammenpeschossen. doch es gelingt den Deutschen-Mannschaft und Schiffsladung zu retten. Nur die für
die KÖNIGSBERG gedachte Kohle ist vom Seewasser ruiniert, so daß der deutsche Kreuzer keine Chance mehr hat, das offene Meer zu erreichen.


Die KÖNIGSBERG hatte, so Sibley, auf dem Indischen Ozean die
Engländer lächerlich gemacht. 24 Kriegsschiffe und etliche
Flugzeuge müssen vom Gegner eingesetzt werden, um die KÖNIGSBERG zu finden und unschädlich zu machen. Nach langem vergeblichen Suchen dringen im Juli 1915
zwei mit schwersten Kalibern bestückte, für flache Gewässer bestimmte Monitore in das Delta des Rufidschi
ein und richten aus großer Entfernung ihr Vernichtungsfeuer auf den deutschen
Kreuzer. Die KÖNIGSBERG wird zum Wrack geschossen. Doch Lettow bringt es fertig, ihre 10,5-cm-Geschütze sowie ihre
Maschinengewehre und wertvolles Material an Land zu holen. Die Mannschaft von 24 Seeoffizieren und 560 Matrosen stehen ihm jetzt für den Landkrieg zur Verfügung.

Die deutschen Siege von Tanga, Longido und Jassini hatten den Briten eine defensive Kriegführung aufgezwungen. Doch im Sommer 1915 führt General Tighe einen Angriff auf den deutschen Hafen Bukoba am Westufer des Viktoriasees. Die
Deutschen müssen vor der Übermacht
zurückweichen und verlieren einen wertvollen Sender.


Von der strategischen Basis des
Kilimandscharo-Gebietes setzt Lettow seine Aktionen mit kleinsten Einheiten
gegen die englische Lebensader fort. Die mit großem Schneid und häufig unter
ungeheuren Strapazen ausgeführten deutschen Überfälle
sind von solchem Erfolg gekrönt, daß Major Sibley
dazu kommentier: „Welche Verachtung müssen die
Deutschen für unsere Soldaten haben, wenn sie es beispielsweise schaffen, eine Brücke der Ugandabahn in die Luft
zu jagen, ohne daß die Verteidiger Zeit
finden, auch nur einen Schuß abzugeben."

Die Buren kommen

Zum neuen Befehlshaber der englischen Streitkräfte
wird Jan Christian Smuts ernannt. Smuts, der sich als Bure von einem erbitterten Gegner
Englands in einen Freund der Briten verwandelt hat, bringt seine Erfahrungen im
Guerillakampf aus dem Burenkrieg mit. Die Ankunft seiner Buren, denen man nach
einem siegreichen Krieg Hoffnung auf Siedlungsland
in der deutschen Kolonie macht, vermag die arg angeschlagene Moral der
englischen Truppen wieder zu heben. Es soll sich
herausstellen, daß die Südafrikaner sich zwar im Guerillakrieg auskennen (sie waren vorher gegen die Deutschen in
Südwestafrika eingesetzt gewesen); aber zum Glück für die deutschen
Ostafrikaner sind sie waffentechnisch den Askari unterlegen, die wahre Meister mit ihren
Maschinengewehren geworden sind und dem Gegner damit stets hohe Verluste
zufügen.

Die Buren sind überzeugt, mit ihrer erdrückenden Übermacht die Deutschen unter Lettow-Vorbeck „in zwei Wochen erledigen zu
können". Es soll jedoch anders kommen. Lettow
verfügt über eine seltene Gabe, die Pläne von Smuts im voraus zu erkennen. Smuts fast zur Standardmethode werdende Strategie besteht darin,
durch Frontalangriff unter Einsatz von gepanzerten Fahrzeugen die deutschen
Verteidiger festzunageln, um sie gleichzeitig
mit kombinierten Flankenbewegungen seiner
„fliegenden Einheiten" einzuschließen und zu vernichten. Aber keine seiner mit enormem Aufwand an Menschen und
Material unternommenen Einkesselungsversuche führen zum gewünschten Erfolg.
Stets versteht es der deutsche Kommandeur, „der Meister des kämpferischen
Rückzugs", auch scheinbar aussichtslose Lagen zu meistern. Der englische
Oberst Meinertzhagen schreibt in seinem Tagebuch
über den Ostafrikafeldzug: „Nicht ein einziges Mal haben wir einen Kampf
gewonnen oder die ganze Frucht eines Sieges genossen. Der Feind bringt es jedesmal fertig, uns zu entschlüpfen."


Kurz vor der Ankunft von Smuts hatte General Tighe einen groß angelegten Angriff gegen die
deutschen Stellungen am Oldoroboberg nahe dem
Kilimandscharo versucht. Von diesem beherrschenden Berg aus hatte Lettow den
Bau einer englischen Straße vom Indischen Ozean nach Westen verhindert. Die
deutschen Verteidiger der Abteilung Schulz können rechtzeitig auf 1200 Mann
verstärkt werden. Gegen sie treten 6000 Engländer, Südafrikaner, Rhodesier und Inder nach schwerer
Artillerievorbereitung zum Angriff an. Doch das Artilleriefeuer des Gegners
schlägt in leere Stellungen. Die Deutschen waren rechtzeitig in eine höhere Berglaee
auseewichen. Bei dem Frontalangriff am 12.
Februar 1916 werden die alliierten Truppen dezimiert. Allein die Südafrikaner
erleiden in diesem Kampf 50% der Verluste, die sie im
gesamten Kampf um Deutsch-Südwest eingebüßt hatten.


Am 8. März 1916
ist Smuts sich seiner Sache sicher, als er Lettows aus
nur 6000 Mann bestehende Hauptmacht mit 30000
seiner gemischten Verbände angreift. Nach bekanntem Schema fällt Tighe die
Aufgabe zu, die Deutschen frontal bei Taweta
zu packen, während General Ste-wart ihnen bei Longido in den Rücken fallen soll. Lettow kennt die Langsamkeit der Engländer und verfolgt in aller
Ruhe ihre Bewegungen. Es gelingt ihm ohne große Mühe, der großangelegten
Zangenoperation seines Gegners zu entgehen. „Wie Geister" verschwinden die Deutschen
im Busch und ziehen sich gemächlich in Richtung Tanga
zurück, nicht ohne den nachrückenden Gegner immer wieder in Fallen zu locken und ihm blitzartige Schläge zu
versetzen.


Im selben Monat erreicht ein zweiter Blockadebrecher
den Hafen Lindi im Südosten der Kolonie. Die
Engländer beschießen das deutsche Schiff, aber auch diesmal gelingt es, seine
vielbegehrte Fracht von 15001 zu bergen.


Mittlerweile beginnt das afrikanische Klima seine
Opfer zu fordern, besonders unter den die Tropenhitze nicht gewohnten Truppen
von General Smuts. Auch die afrikanische Tierwelt kann zum Feind werden, wenn
Herden von Giraffen oder Elefanten Telefonleitungen überrennen und die
Nachrichtenverbindungen unterbrechen. Und dann kamen die tropischen und
Monsunregen, die ganze Flußtäler überfluten, alle Brücken wegreißen und die
Träger mit ihren Lasten im Morast versinken lassen. Entsprechend wachsen für
die deutsche Truppe die Schwierigkeiten der Versorgung.





Feind von allen Seiten


Im Sommer 1916 erhält General van Deventer, der Kommandeur der Burentruppen, von Smuts den Befehl, die Zentralbahn zu
unterbrechen und die deutsche Kolonie in zwei Teile zu spalten. Wegen
mangelnder Straßen waren die deutschen Eisenbahnlinien von größter strategischer



Bedeutung. Ebenso die Gegend von Tabora, die als Hauptrekrutie-rungsquelle
für die deutschen Askari galt.


Lettow beschreibt seine Lage so: „Zusätzlich drängten von Nordwesten die Belgier,
weiterer Feind von Südwesten, und von Süden her General Northey. Der Gegner war mit allen Mitteln moderner Kriegführung ausgerüstet. Hunderte von Automobilen
und große Reitermassen wurden von ihm eingesetzt. Die Panzerautos fuhren zum Teil
bis auf 20 m an die deutsche Front und beschossen die im dichten Ufergebüsch
versteckten deutschen Stellungen mit Kanonen und Maschinengewehren. .. Wir mußten uns damit begnügen, seine mehr als
zehnfache Übermacht siegreich
abzuschlagen."

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BeitragThema: Teil 4   Sa Nov 29, 2008 1:39 pm

Bei dieser Sommeroffensive, der zweiten Phase des Krieges um
Deutsch-Ostafrika, erleiden die feindlichen Truppen verheerende Verluste. Mehr
noch durch Krankheit und Seuchen als durch die ständigen Überfälle aus dem Busch der geschickt zurückgehenden
Deutschen. Diese Überfälle bestehen in der
Regel aus blitzartigen Einsätzen der deutschen Maschinengewehre, die die Askari
im Nu auf den von ihnen mitgetragenen Stativen
aufbauen. Ehe der Gegner zu sich kommt, hat er bereits starke Verluste
eingesteckt, und die Deutschen sind wieder im Busch verschwunden.


Smuts gelingt es zwar, die Bahnlinie zu überschreiten,
aber besiegen kann er den deutschen „Buschgeist" nicht. Kennzeichnend für den Fehlschlag der englischen Offensiven ist ein
am 30. Sept. 1916 an Gouverneur Schnee gerichteter Brief von General
Smuts, in dem dieser ihn wegen des für die
Deutschen aussichtslosen Kampfes" zur Übergabe
auffordert. Lettow schreibt dazu, daß „Smuts durch dieses freundliche
Anerbieten offenbarte, daß er am Ende seiner Machtmittel angelangt war. Wir
waren es noch längst nicht, und als Antwort auf diese seine Zumutung führten
wir den Krieg noch zwei Jahre, sowohl gegen den General Fieber, als gegen die
englischen Generale weiter."


Für die Überlegenheit
deutschen Soldatentums soll das folgende von Lettow-Vorbeck geschilderte Begebnis - eines
von vielen - stehen: Das
Beispiel, wie es der später gefallene Oberleutnant Kröger
gab, rief unbegrenzte Unternehmungslust und
Wagemut hervor. Ohne nach der


Stärke des Feindes zu fragen, -war er häufig mit einigen Mann im dichten Busch dem
Feind sofort mit aufgepflanztem Seitengewehr und Hurra zu Leibe gegangen und
hatte so auch bei den Askari Schule gemacht. So schlug ein braver Effendi einmal eine ganze feindliche Kompanie mit
seiner Patrouille in selbständigem Gefecht."


Fast ein Jahr lang hatten die Askari, geführt von
ihren deutschen Offizieren, zurückgehen müssen. Aber ihre Moral war
unerschüttert, und sie waren nach wie vor eine schlagkräftige Truppe. Als den
wichtigsten Einzelfaktor im Krieg zitiert Sibley
den Kampfgeist und daß dieser Kampfgeist oder die Moral der Truppe sich im
Verhältnis zu den materiellen Kampfmitteln wie 3: l verhält. „Hier war der schlagendste
Beweis erbracht, was eine kleine Truppe von hohem Kampfgeist erreichen kann. Es
war weitgehend Lettow-Vorbecks persönliches Verdienst."
Lettow selbst zu Fragen der Moral seiner Soldaten: „Kriegsorden kannten wir in
Afrika überhaupt nicht. Nicht den persönlichen Ehrgeiz des Einzelnen, sondern
ein von Vaterlandsliebe diktiertes echtes Pflichtgefühl und eine sich
mit der Zeit immer mehr stärkende Kameradschaft mußten wir anrufen und rege
halten,... die Zähigkeit und Schwungkraft
verliehen, welche die Schutztruppe bis zum
Schluß ausgezeichnet haben."


Am II. September 1916
gebietet der deutsche Kommandeur seinem übermächtigen Gegner abermals ein Halt
durch einen überraschenden Angriff bei Kisaki,
nördlich des Rufidschiflusses. Die
mitgeführten Kanonen der KÖNIGSBERG sind neben den von wildem Sturmgeschrei und
den ebenso gefürchteten deutschen Trompetensignalen begleiteten Bajonettangriffen
der deutschen Askari in der mörderischen Hitze von verheerender Wirkung.


In den vergangenen sechs Monaten hatte Smuts 59000
von 60000 Lasttieren verloren. Seine indischen
Soldaten erliegen außer im Kampf mit den Deutschen in
erschreckendem Maße tropischen Seuchen. Ein Burenregiment ist von 1200
auf 200 Mann zusammengeschmolzen.


*
schwarzer Offizier


Doch die Reserven der Engländer an Menschen und
Material sind unerschöpflich.


Lettow genießt solchen Luxus nicht. Er muß immer
sparsamer mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln umgehen. In der Regenzeit
kann seine Truppe sich nur notdürftig aus dem Lande ernähren. Halbreifer Mais,
der den Magen schwer angreift, muß, in Rindensäcken verpackt, durch die
Hochwassergebiete angeschleppt werden. Bei größtem Hunger greift man sogar auf Pilze zurück. Obwohl der sich
für alles interessierende Lettow sogar über Pilze Bescheid weiß, kommt es
zu gelegentlichen Vergiftungen. Zum Glück gelingt es immer wieder, die
Hungerrationen der Truppe durch das Erlegen von Jagdwild aufzubessern.


Ende September
1916 waren Smuts' großangelegte und ungeheuer aufwendige
Bemühungen gescheitert. Aus seiner Großoffensive gegen die Deutschen war ein
Abnutzungskampf geworden. Den Engländern war es nicht gelungen, eine kleine
deutsche Schar zu vernichten, die keinerlei Aussicht auf Verstärkung oder Hilfe
hatte. Lettow hatte in vollem Maße sein Ziel, die Ablenkung bedeutender
Feindkräfte vom europäischen Kriegsschauplatz, verwirklicht. Er schreibt dazu
in Heia Safari: „Es wäre uns sogar gelungen, nicht nur dem überlegenen Feind
standzuhalten, sondern ihn auch gründlich zu schlagen, wenn er nicht die
Möglichkeit gehabt hätte, seine abgenutzten Truppen immer wieder aufzufüllen
und neue heranzuführen."


Unter welch ungemein schwierigen Umständen die
Deutschen mit ihren Askari zu kämpfen hatten,
geht aus der Beschreibung des Zustandes ihres Kommandeurs hervor: Lettow litt
nicht weniger als zehnmal unter Malaria-Attacken. Seine Füße waren durch
Sandflöhe infiziert, so daß er sich eine Zeitlang
nur auf dem Fahrrad fortbewegen konnte. Seine Brille war verlorengegangen. Doch
der unerschütterliche deutsche General teilt mit Humor und der größten
Selbstverständlichkeit alle Strapazen und Entbehrungen seiner Soldaten. Sie
wissen, daß er wie ein Vater für sie sorgt, und die Bewunderung für ihn,
besonders seitens seiner schwarzen Askari,
grenzt an Vergötterung!


Auch beim Gegner ist der Name Lettow-Vorbeck in aller Munde. Ein geheimnisvoller
Nimbus umstrahlt ihn. Wie William Stevenson in The
Ghost of Africa berichtet, waren der König und die Königin im
Buckingham Palast an Lettow stets mehr
interessiert als an irgendeinem anderen Heerführer des l. Weltkrieges. „Sie
hielten ihn für einen großen Mann."


Die immer massiger werdenden alliierten Armeen
werden allmählich mehr zum Hemmnis als zum Vorteil. Sie büßen immer mehr an
Beweglichkeit ein, so daß ihr Feldzug jeden Schwung verliert. Lettow dagegen
ist entschlossen, weiterzukämpfen, solange der Krieg dauert. „Seine Größe ist
eindeutig dadurch erwiesen," schreibt Major Sibley,
„daß er, von aller Welt abgeschnitten, die Moral seiner kleinen Truppe aufrecht
erhielt — ein Lehrstück für alle Militärhistoriker über die Bedeutung der Moral
im Kriege."





Ritterlichkeit im afrikanischen Busch





Wie von den Deutschen des 2. Weltkrieges insbesondere
Erwin Rom-mel, beachtet auch Lettow-Vorbeck
selbst unter den schwierigsten Umständen eine faire und ritterliche Kampfweise,
obwohl er zu Anfang des Krieges einen schriftlichen Befehl des Gegners
abgefangen hatte, „keine Gefangenen zu machen"! (vgl.
auch Churchills Empfehlung schon im l.
Weltkrieg, deutsche U-Bootmänner zu
erschießen, oder ähnliche alliierte Methoden
im 2. Weltkrieg wie in der Normandie usw.!)
Verwundete Feinde werden genau so behandelt wie eigene Kranke oder Verwundete.
Die englischen Verwundeten hatten das größte Vertrauen zu den deutschen Ärzten und zogen es vor, von diesen statt von ihren
eigenen behandelt zu werden.


Wenn der Gegner sich durch Ehrenwort verpflichtet,
in diesem Krieg nicht mehr gegen die Deutschen zu kämpfen, entläßt Lettow
solche Gefangenen. Und wenn er weiß, daß sie allein auf sich gestellt, im Busch
umkommen würden, nimmt er trotz der extrem knappen Verpflegung die Mühe auf
sich, sie mit seinen Truppen mitzuführen.


Bezeichnenderweise hatten Engländer oft wenig
Verständnis für diese menschliche Handlungsweise. Sie glauben an Spionage, wenn
Gefangene übergeben werden. Als einmal ein deutscher
Parlamentär dem Gegner
Gefangene zurückbringt, schicken sie ihn mit verbundenen Augen in den Busch. Er
wäre nach langem blinden Herumirren elend zugrundegegangen, hätte eine deutsche
Patrouille ihn nicht durch
Zufall erretten können.


Zwischen dem gegnerischen Oberbefehlshaber und Lettow besteht allerdings eine während des ganzen
Feldzuges beide Männer verbindende persönliche Hochachtung. In einem Brief
teilt Smuts seinem Gegner, den keine Nachricht
von der Heimat mehr erreichen kann, die Verleihung des Ordens POUR LE
MERITE vom deutschen Kaiser mit. Und Lettow
dankt ihm ebenso höflich für diese Geste.





Neuer Feind von See her





Den dritten Abschnitt dieses Krieges beginnen die
Engländer mit Landungsoperationen bei Daressalam,
Kilwa und Lindi.
Sie wollen die Deutschen in ihrer Flanke angreifen. Lettow schickt im Gegenzug
Verstärkungen an Kapitän Looff, um die
Landungstruppen abzuriegeln. In der schönen Hauptstadt Daressalam benehmen die
Engländer sich wie die Barbaren. Massenweise wird das Privateigentum aus den
schmucken Häusern der deutschen Kaufleute und Beamten geraubt. Am schlimmsten
wüten
die eingeborenen Truppen. Aber dieses Verhalten wird nicht nur
geduldet, sondern englische Offiziere und Unteroffiziere beteiligen
sich eigenhändig an den Plünderungen.

Im Januar 1917 startet Smuts eine erneute
Offensive.
Wieder weichen die Deutschen geschickt vor ihm zurück. Mit
selbstgefertigten Minen, Spreng- und Stolperfallen neben ständigen
überfallartigen Schlägen erschweren sie ihrem Gegner den Vormarsch. Da
es ihm nicht gelungen
war, Lettow-Vorbeck zu besiegen und
gefangenzunehmen, wird Smuts nach London abberufen. Sein Nachfolger wird General Hoskins.
Um seine immer kümmerlicher verpflegte Truppe vor
dem Verhungern zu bewahren, entschließt Lettow sich vor seinem Übergang über den Rufidschi,
sämtliche bis dahin mitgeführten Zivilisten zurückzulassen. Eine für die Betroffenen harte, aber notwendige Maßnahme. Nur die Askari dürfen ihre Frauen behalten, die nicht wenig zurAufrechthaltung der Moral der familientreuen Eingeborenen
beitragen.
Auch die Zahl der Diener wird stark herabgesetzt. Verpflegung und
Versorgung der Truppe sind für den deutschen General ein größeres
Problem geworden als die Überzahl der Gegner.

Dr. Hauer schildert seine Erlebnisse beim weiteren Rückzug zur Regenzeit wie folgt: „Nun folgte ein
Marsch über verpfützte, schlammige Wege bei
gleichzeitiger gemeiner Schwüle, die bereits um zehn Uhr unerträglich schien.
Beinahe regelmäßig gab es ein Gewitter, dem hernach, wenn wir die nassen,
schweren Kleider weiterschleppten, stechende Sonnenglut folgte. Gewöhnlich
überfiel uns in der letzten Marschstunde dann noch ein echter Tropenregenguß,
damit wir ja nicht übermütig werden sollten oder etwa auf halbtrockener Erde
übernachten
könnten. Je länger der entbehrungsreiche Vormarsch in dem sumpfigen
Gelände andauerte, desto mehr erkrankten die Farbigen an sogenannten
Unterschenkelgeschwüren. Die armen Träger waren natürlich wieder am
schlimmsten betroffen... die stiefeltragenden Askari fast gar nicht...
es gab furchtbar stinkende, in schlimmen Fällen bis handtellergroße
Geschwüre."

Die Versuchung zu desertieren für die heimwehkranken
eingeborenen
Soldaten und zumal die Träger, die oft tagelang bis zum Halse im Wasser
waten mußten, war natürlich groß. Aber es zählt zu den bewundernswerten
Eigenheiten dieses Feldzuges, daß die Mehrzahl der Askari und auch der
Träger bis zum Letzten bei ihrem verehrten Kommandeur aushielten.

Dazu noch einmal Dr. Hauer: „Tiefes Mitleid und
heißer Dank wallten in mir hoch für diese armen Menschen, die Weib, Kind und Heim aufgegeben, ihre Brüder verloren,
und
immer weiter marschieren würden, um ... ja, um zu hungern, zu leiden,
zu marschieren, zu kämpfen, zu sterben. Und für was? Für Geld? Wer gab
ihnen denn etwas für die von der Truppe im Busch gedruckten
Papierfetzen, die nicht mal gut genug waren, eine Zigarette zu halten?
Für Lohn überhaupt nicht mehr. Aber
um ererbter Lust am Krieg willen, aus Freude am Kampf, aus dem Kantschen Pflichtgefühl heraus, das sie
beim Deutschen am meisten bewundert und allmählich von ihm übernommen hatten...
wer dem Kaiser
diente, der diente Allah. Und wer auf dem Felde der Ehre fiel, der
starb als Mann, als echter Sudanesenkrieger, so wie der Vater
und der Vater des Vaters."

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BeitragThema: Re: Paul von Lettow-Vorbeck   Do Apr 23, 2009 5:05 pm

DANKE!!!!!

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Paul von Lettow-Vorbeck

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